Gisley

die Perle des Westens

Vor wenigen Wochen wurde ich bei einem Aufenthalt in Cardis von einem Reisenden aus Fremden Landen befragt, aus welchem Grunde die Stadt Gisley den Titel "Perle des Westens" trage. So möchte ich mich denn hier mühen, für all diejenigen denen es noch nicht vergönnt war die Perle mit eigenen Augen zu sehen, ein Bild in ihren Geiste zu malen.
Ich erhoffe mir das ich in der Lage bin dem werten Leser dieser Zeilen verständlich zu machen warum mir diese Stadt, meine Heimat, sosehr am Herzen liegt, daß ich nicht allzulange missen möchte.

Zu welcher Zeit sich die ersten Siedler an diesem Orte niederließen ist leider, trotz der tüchtigen Quillkleriker, in Vergessenheit geraten. Doch jeder der Augen zum schauen hat, zumal auch der alte Name der Stadt: Gires Lein ( Lein: alt für Flachs, bezug auf Leinen ) noch heute davon kündet, kann ihre Gründe zu verweilen verstehen. Hier, am Rande des Auengebietes des Rheins mit seinem äußerst fruchtbarem Boden, am Ufer eines über 350 Sprann langen Auensees, ist wohl zu jeder Zeit ein guter Ort zum Leben gewesen.
Die vielen Jahre die die Altstadt bereits sah werden geradezu greifbar wenn man über die dunklen, kopfsteineren Gassen an den hohen schmalen Gebäuden entlang schreitet. Die dicken, dunkelroten Mauern der auf einem künstlichen Hügel direkt am See erbauten Trutzburg, der große uralte Gnordir Konvent, die massive, fast schwarz erscheinende Stadtmauer und vor allem der in der Mitte des Alten-Marktes gelegene hohe Turm erinnern einen ehrfürchtig an die vergangenen Jahrhunderte.
Besondere Erwähnung, da unabdingbar mit dem Schicksal der Stadt verknüpft, sollte hier ein Geschehen im Jahre 333 vor Mithal finden. Nach einem äußerst kargem Jahr begann ein Drache die Lagerschuppen und Gehöfte um die Stadt Girslei auszuplündern und niederzubrennen. Eine Hungersnot drohte, und so warf sich bei einem Überfall des Drachen auf eine der letzten Kornkammern der junge Tahnee Kleriker Nitram vor den Drachen und wurde von diesem prompt verschlungen. Doch ein letztes Male den Beistand seiner Göttin anrufend, entzündete sich Nitram im Magen des Drachen zur heiligen Flamme Tahnees. Der Drache stürzte vom inneren Feuer verzehrt in den Auensee, wo er alsdann sein Leben aushauchte. Im Gedenken an die selbstlose Tat Nitrams erklärte der Fürst den 11 Tag des 11 Monats zum Feiertage in ganz Graldor. Der Schädel und die Flügel des Drachen zieren seither den Audienzsaal des Fürsten.
Obwohl der Großteil des Handels der Stadt heutzutage auf den Märkten der Neustadt abgehandelt wird, herrscht in den Straßen der Altstadt doch immernoch ein recht geschäftiges Treiben. Allerdings geht es hier um einiges ruhiger und bedachter zu. Man läßt sich Zeit, bedenkt gründlich seine Handlungen und ist gern zu einem kleinen Schwätzchen in einem der vielen Lokale bereit. Ein Umstand der wohl durch die lärmschluckenden Fachwerkbauten und das selbst im Hochsommer kühle Pflaster ( von dem manche behaupten, es würde die Existenz der Sonne anzweifeln ) begünstigt wird.

Die Wende im Geschicke der Stadt kam mit dem von Fürstin Fara Horta im Jahre 159 vor Mithal erbauten, 2 Olik-Sprann langen Kanal zum Rheine. Etraklin besaß nun nicht nur ein paar Holzpiers, sondern einen richtigen Hafen zum Rhein. Und mit einem male blühte die Stadt auf. Bald schon konnte der Auensee die Flut an Lastkähnen nicht mehr aufnehmen und so wurden Nebenkanäle als neue Häfen ausgehoben. Der Auensee jedoch wurde für den Lastverkehr gesperrt und eine 30 Sprann Grenze um den See erlassen innerhalb der nur der Fürstenpalast und die Tempel des Quill und der Tahnee bestehen dürfen, auf das seine Schönheit erhalten bleibe. Zum Schutze des Hafens wurde, in Beachtung der kommenden Generationen, um die Nebenkanäle, den Auensee und die Altstadt herum eine weitläufige neue Stadtmauer aus weißem Steine errichtet. Allerdings ist sie mit weit auseinander liegenden Türmen, ohne Wehrgänge und nur knapp 2 Sprann Höhe wohl nicht zur Kriegführung erdacht. Dafür wird die Einfahrt zum Kanal eindrucksvoll von der Rhein-Pforte, einer 2 Sprann tiefen, 4 Sprann hohen und je 250 Sprann langen Wehrmauer aus großen Basaltblöcken zu beiden Seiten der Einfahrt, bewacht. Und auch die Errichtung des hellen lichten Fürstenpalastes, zwei Steinwurf westlich der Trutzburg und auch die Grundsteine der Tempel des Quill und der Tahnee am Ost und Westufer des Sees stammen aus jenen Tagen. Seither ist die Neustadt beständig angewachsen, so das sie heute beginnt die Grenzen der Stadtmauer zu überschreiten. Der Fürstenpalast wurde mehrere male erweitert und renoviert so das er heute eins der strahlendsten Bauwerke Quadoner-Marmorbaukunst im Reiche ist. Der Quill Tempel hält trotz seiner weitläufigen Lehrräume und Bibliotheken auch heute noch einen respektvollen Abstand zum See. Wohingegen die Stufen des großen Tahnee Tempels, mit seiner erst vor wenigen Monaten neuerrichteten rotgoldenen Kuppel und der auf ihr brennenden ewigen Flamme, bis in den See hinein reichen.
Um den Seeuferpark herum sammeln sich die Villen und Paläste des Adels, der Handelshäuser und Patrizier mit ihren vielen verspielten Erkern und Türmen. Und auch in den anderen Teilen der Neustadt, verbunden durch breite, mit großen Platten belegte und zuweilen von Bäumen gesäumte Straßen, werden die Häuser eher weit als hoch gebaut. Einzig die Hafenviertel beidseitig des Fara-Horta-Kanals machen hierbei eine Ausnahme. Mit ihren Lagerhäusern, Handelskontoren, Dockanlagen, Kneipen und Tanzlokalen besitzen sie ein Flair wie man es sonst nur von einer Stadt am Meere erwartet. Die beiden Seiten des Kanals werden seit nunmehr 100 Jahren von zwei Brücken verbunden. Im Norden, am Rande des Sees, durch eine breite, dreibögige Steinbrücke. Und im Süden, nahe der Stadtmauer, durch eine hölzerne Klappbrücke auf deren östlichen Seite sich auch die Anlagen der Söldnergilde befinden.
Westlich des Sees, in der Nähe der Reichsgarden Kaserne, befindet sich das Spielfeld der Gisley-Gladiators. Hier, umgeben von einem Wassergraben, können unsere bejubelten Recken ihrem Beinamen "Trollslayer" gerecht werden und ihre Gäste gebührend empfangen. Auf der anderen Seite der Stadt, zwischen Quill Tempel und Stadtmauer, wurde ein großer Platz als neuer Markt errichtet. Hier sind unter anderem auch das hiesige Haus der Etraklinischen Magiergilde und auch der erst vor wenigen Jahren errichtete Eonar Tempel Gisleys, erst der zweite seiner Art im Reiche, zu finden.
Die Straße die sich von der Altstadt aus Richtung Cardis windet wurde auf anraten König Skanders I. auf leicht zwei Wagen Breite ausgebaut und vorzüglich gepflastert um den Verkehr zur Hauptstadt zu erleichtern. Fürst Andrus von Gisley ließ dort kurz vor dem Cardis-Tor eine große Wiese bereitstellen, auf der sich das Fahrende Volk frei niederlassen kann, wodurch ein, sich über das ganze Jahr beständig ändernder Jahrmarkt entstand. Zu erwähnen sei hier noch der Zollhafen, im Grunde nur eine kurze Verbreiterung des normalen Kanals direkt hinter der Rhein-Pforte. Hier befindet sich jedoch ebenfalls eine Garnisonskaserne der Reichsgarde und jedes an- und abfahrende Schiff wird hier nochmals auf die Richtigkeit seiner Zollpapiere überprüft.
Gisley ist heute die zweitgrößte Stadt des Reiches, strahlendes Haupt des Fürstentum Graldor, Ausgangspunkt des Handels in alle Herren Länder und Heimstätte für über 5.500 treue Bürger Etraklins und hat sich, trotz des Trubels, des harten Handels und der Schrecken der letzten Jahre, eine Lebensfreude und Freundlichkeit bewahrt wie ich sie in noch keiner zweiten Stadt angetroffen habe. Besonders ist dies zu Spüren, wenn in jedem Orte Graldors die "Nacht der Lichter" zur Ehrung des Heiligen Tahnee Kleriker Nitram gefeiert wird. Dann, wenn in Gisley, im roten Licht der über dem Kanal versinkenden Abendsonne, vom großen Tahnee Tempel aus Tausende kleine, mit Feuer bestückte Boote und Flöße zu ihrer Reise über den Kanal und den Rhein hinunter aufbrechen, ist die wohlige Wärme Tahnees in jedem Haus, in jeder Gasse und in jedem Herzen das einen Freudig umarmt unübersehbar zu erspüren.

Gelegen ist die Stadt am Rande der Auen, an den beginnenden Hängen der Rheinkette. Zwar sind die einst prächtigen Auen des Rheins mittlerweile durch Dämme gebändigt und bereits kultiviert, doch hier und da findet man immer noch kleine Seen, umrahmt von nahezu urwüchsigen Wald. Vor allem im Spätsommer, wenn man auf der König-Skander-Straße aus Richtung Quadon kommend die letzte Kuppe der Rheinkette überschreitet, ist der Anblick wirklich atemberaubend. Die verteilt liegenden Gestüte, Gehöfte und Wälder in einem Meer aus güldenem Getreide, blau blühendem Flachs und satten grünen Wiesen auf denen sich die Pferde tummeln. Inmitten dieses Paradieses, umrahmt von der weißen Mauer, die roten Dächer der Stadt. Und in ihrem Zentrum, grün eingefaßt, der silbrig glitzernde See mit dem geschäftigen Kanal, der wie ein bläulich schimmernder Pfeil in weite Fernen deutet.

Niedergeschrieben
am 20 Tage des 5 Mondes im 2 Jahr des Rates
vom Sekretarius des Graldorer Fürsten,
Darben de Birtue
 

PS : Obwohl für die Bibliothek zu Cardis geschrieben, scheint dieser Text einer Zensur unterlegen zu haben.


 

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Autor dieser Seite: Klaus Kann
Diese Seite wurde geändert am 30.01.2001.