Mainpost vom 22.02.2000


Mittelalterliche Live-Rollenspiele werden nicht zuletzt in Unterfranken immer beliebter

Dienstag, 22.02.2000 - Szene

Zwergklöße und Hackfleischbällchen

BURG RABENSTEIN/WÜRZBURG · Magier, Orks und Goblins: Die neue Lust am Live-Rollenspiel. Unterfranken zählt zu den Hochburgen.Der Tod kam nachts. Während die Söldner noch in ihren Zelten schnarchten, näherte er sich in Gestalt von grünhäutigen Wesen mit spitzen Eckzähnen und Dolchen. Ein Kehlenschnitt setzte dem Leben der Söldner ein Ende, die Meuchler entkamen im Morgennebel um Burg Rabenstein.

Der vorzeitige Exitus der Söldner war sorgfältig inszeniert, die Dolche bestanden aus Kunststoff, und nicht einmal der Nebel waberte echt. "LARP", Live Act Role Play, nennt sich diese Variante des Rollenspiels unter freiem Himmel. Viele Rollenspieler wollen fantastische Abenteuer nicht mehr nur am Wohnzimmertisch mit Brettspiel, Schreibblock und Würfel erleben. "Beim LARP entkomme ich dieser etwas sterilen Umgebung und spiele in der Natur", sagt Frank Lüke aus Paderborn vom dortigen LARP-Verein Fenris Barn.

Unterfranken gilt als eine LARP-Hochburg. Wer sich dafür interessiert: Der Würzburger Christof Latzl (Tel. 0171/78 24 67 0) hilft mit Rat und Tat. Und im "Wagelyn" (Zeller Straße) gibt's mannigfache Ausrüstungsgegenstände zu erstehen.

Die Spielweise ist herkömmlichen Rollenspielen ähnlich. Ein Spielleiter entwirft ein Abenteuer und stellt eine Aufgabe. "Am beliebtesten ist der Rettet-die-Welt-Plot", sagt der 35-jährige Lüke. Jeder Teilnehmer wählt einen Charakter aus, etwa einen Ritter, Magier oder auch einen Ork -- eine jener gefährlichen Gestalten, die in unterirdischen Stollen und Städten leben. Die Stärken und Schwächen der Figuren werden meist anhand von Regelwerken ermittelt. Die Handlung lebt hingegen größtenteils vom Erfindungsreichtum und der Improvisation der Mitspieler.

Je wirklichkeitsgetreuer die Kostüme und die Umgebung, um so größer der Spielspaß: Deshalb treffen sich die Spieler in ihren altertümlichen Gewandungen für einige Tage auf Ruinen, Klöstern oder Festungen, wie etwa der Burg Rabenstein in Brandenburg. Mehrere hundert Spieler wurden schon bei solchen Zusammenkünften, "Cons" genannt, gezählt. Eingeladen wird über Briefe, Flugblätter oder Mundpropaganda und immer häufiger auch über das Internet, etwa unter www.larp-welt.de oder www.larpkalender.de.

Frank Lüke kam vor etwa sechs Jahren zum LARP. Ein Zeitungsartikel hatte die Neugierde des Informatikers geweckt. Nach wenigen Anrufen fand er sich rasch mitten in der Welt der Gaukler, Trolle und Gnome wieder. Mehr als 50 Cons hat Lüke bisher besucht. "Vor einigen Jahren begegneten mir noch auf allen Cons dieselben Personen", so Lüke. "Heute erkenne ich manchmal niemanden." "Die LARP-Gemeinde ist gewaltig gewachsen", hat auch Jens Tiefenstädter aus Hildesheim festgestellt, der die Szene seit acht Jahren kennt. Der 23 Jahre alte Informations-Managementstudent vom Con-Veranstalter Mysticon (Bergisch Gladbach) zeichnet für die Website Larpinfo verantwortlich (www.larpinfo.de). Die Zahl der Live-Rollenspieler in Deutschland schätzt Tiefenstädter mittlerweile auf 3000 bis 5000 im Alter zwischen zwölf und 50 Jahren. "In verschiedene Rollen zu schlüpfen und gleichzeitig andere dabei zu beobachten", reizt Lüke am LARP am meisten. "Es verblüfft mich noch immer, wenn ein Bettler nach Spielende als Bankmanager im Mercedes nach Hause fährt." Carsten Thurau aus Detmold verfiel aus ähnlichen Gründen dem Spiel: "Ich kann mich dabei in andere Personen versetzen und versuche, auch so zu denken wie sie", sagt der 26 Jahre alte Student und Kassenwart des Vereins für Live-Rollenspiel und Altertum in Deutschland (VLAD) mit Sitz in Detmold.

Der Knappe Hartmut

So spielte er einmal einen Autisten, "ein interessantes Erlebnis", um dann ein anderes Mal in die Rolle des Knappen Hartmut von Lohenstein zu schlüpfen, "weil ein Knappe kaum Verantwortung trägt und sich austoben kann". Ein gern gesehener Gast auf deutschen Cons ist der 42 Jahre alte Schweizer Sprachlehrer Habakuk Bruhin. Von seiner "Schreibstube" in Teufen bei St. Gallen versorgt er die Eidgenossen mit LARP-Informationen und Einladungen. "Die deutschen Spieler haben die bessere Ausrüstung, wir die schöneren Geschichten", meint Bruhin. Seit zehn Jahren spielt er und reist dabei manchmal "mit speziellem Auftrag" nach Deutschland oder lädt deutsche Rollenspieler in die Schweiz. "Fast die Hälfte der Spieler auf unseren Cons sind Deutsche."

Tikon nennt sich das orientalisch-keltische Fantasieland, in dem er in die Rollen eines Herolds oder des Wirts Tartsis schlüpft und dann seine Spezialität "Zwergklöße und Hackfleischbällchen mit Pilzsoße" auftischt. "Der kulinarische Aspekt spielt bei uns eine große Rolle", so Bruhin. Wie viele Hobbys können Live-Rollenspiele eine beträchtliche Geldsumme verschlingen. Wer sein Kettenhemd nicht selbst nähen kann, muss dafür ins LARP-Fachgeschäft und schon mal einige hundert Mark hinblättern. Fakirfeuer, Ork-Masken oder Latexschwerter belasten die Geldbörse zusätzlich. Die Teilnahmegebühr an einem Con kostet meist weitere 100 Mark. Wer allerdings Geld sparen und ein Con schnell und einfach selbst organisieren will, sollte den Arbeitsaufwand nicht unterschätzen: Man muss ein Gelände oder eine Burg anmieten, Bauern und Jagdaufseher informieren, gefährliche Stellen im Gebiet markieren und zudem die Latex-Waffen der Mitspieler sorgfältig checken. Auch Sanitäter sollten bereitstehen. "Da man sich im Wald leicht den Fuß brechen kann", sagt Lüke, und nicht etwa weil sich die Leute die Köpfe einschlagen würden.

Vielen Spielern bereiten die spektakulären Kampfszenen längst keinen Spaß mehr. "Mein schönstes Spiel war, als ich nicht einmal die Waffe zücken musste", sagt Lüke. Und auch Bruhin kommt am liebsten "durch Intrigen, Lösegeld oder politische Mittel" zum Erfolg. Dass sich die Spieler nicht zum Prügeln treffen, musste auch eine Gruppe Skinheads einsehen. Als sie, mit Baseballschlägern bewaffnet, mitmischen wollten, reagierten die mittelalterlichen Schwertträger ganz neuzeitlich. Lüke: "Wir riefen über Handy die Polizei."
 

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